Er ist aktuell der bestverdienende deutsche Sportler: Isaiah Hartenstein (26) kassiert nach seiner Vertragsunterschrift bei Oklahoma City Thunder in der NBA 87 Millionen US-Dollar (rund 81 Millionen Euro) in drei Jahren – 27 Mio. Euro pro Jahr.
SPORT BILD: Isaiah, Ihre Reboundstärke ist bekannt. Gegen die Milwaukee Bucks erzielten Sie einen Karrierebestwert von 24 Punkten. Ihr Saisonschnitt von 11,4 Punkten ist so gut wie nie. Werden Sie jetzt auch noch zum Scorer?
Isaiah Hartenstein: Ich war vorher auch schon ein Scorer, habe das aber nicht so oft eingesetzt. Ich versuche immer, meinem Team bestmöglich zu helfen, das muss nicht immer mit Scoren sein. Ich habe viele andere Skills wie Passen und Mitspieler freiblocken. Und natürlich Rebounden. Es ist eine Mischung aus allem. Ich denke, ich bin einer der besten „Passing Bigs“ in der Liga.
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Wie sehen Sie Ihre Entwicklung?
Ich werde jedes Jahr stärker. Dafür arbeite ich jeden Sommer hart. Im vergangenen Jahr habe ich mit meinem Vater und dem Ex-Profi Tyrese Rice in Houston trainiert. Pro Tag haben wir sechs bis sieben Stunden Kraft- und Basketballtraining gemacht. Nächsten Sommer gehen wir nach Los Angeles. Mit 26 bin ich immer noch relativ jung. Ich bin sicher, ich kann noch einen weiteren Schritt nach vorn machen.
Vor der Saison kamen Sie von den New York Knicks. Jetzt sind Sie mit einer Bilanz von 62:12 Siegen das beste Team der NBA. Sind Sie das fehlende Puzzleteil, um die Meisterschaft zu gewinnen?
Oklahoma war auch in der vergangenen Saison die Nummer 1 im Westen. Aber bevor ich unterschrieben habe, war ich mir sicher, dass ich ihnen wirklich helfen kann. Ich bringe viel Physis mit und kann viele Systeme spielen. Ich bin kein Big Man, der einfach unter dem Korb steht. Das ist ein perfekter Fit für beide Parteien.
Wie haben Sie Ihren Drei-Jahres-Vertrag mit OKC gefeiert?
Wir haben darauf angestoßen. Aber wir haben einen kleinen Sohn. Da geht mit Feiern nicht so viel. Es ist cool, dass ich für meine jahrelange harte Arbeit und mein Durchhaltevermögen nun belohnt werde.
Viele in Deutschland halten Gehälter von 20 Millionen und mehr pro Jahr für überzogen. Was denken Sie?
In Amerika ist die Mentalität anders. Hier überwiegt die Anerkennung für die Leistung, und es gibt keinen Neid. Die NBA hat einen Riesen-TV-Deal unterschrieben und gibt das Geld an die Spieler weiter. Was soll daran verwerflich sein? Die Spielergehälter werden weiter steigen.
[–>Aktuell ist Stephen Curry von den Golden State Warriors mit einem Jahresgehalt von 55,76 Millionen Dollar der Topverdiener der NBA. In der Saison 2029/30 wird es Jayson Tatum von den Boston Celtics mit 71,47 Millionen Dollar sein. Wo soll das enden?
Ich glaube, bald wird der erste NBA-Spieler 100 Millionen pro Jahr verdienen.
Wer könnte das sein?
Wemby (Victor Wembanyama; d. Red.), wenn er in vier Jahren seinen neuen Vertrag unterschreibt. Oder auch Shai Gilgeous-Alexander, wenn er seinen Vertrag nicht vorzeitig verlängert – oder Luka Doncic.
Was dachten Sie, als Sie von dem Trade von Doncic aus Dallas zu den LA Lakers hörten?
Ich habe das für eine Fake-Nachricht gehalten. Ich habe das in einer WhatsApp-Gruppe gelesen und dachte, der Account wurde gehackt. Dass man einen der besten NBA-Spieler, der auch noch so jung ist, tradet – das hätte ich niemals für möglich gehalten. Aber man weiß auch nicht, was alles im Hintergrund passiert ist.
Dennis Schröder bezeichnete das Trade-System als „moderne Sklaverei“. Wie sehen Sie das?
Ich sehe das nicht so extrem. Wir verdienen sehr gutes Geld, und das ist Teil des Geschäfts. Wir werden ja nicht in ein anderes Land oder in einen anderen Job geschickt. Wir spielen immer noch Basketball und bleiben in der NBA. Mit einer Familie ist das natürlich schwieriger, wenn man so oft umziehen muss. Vor allem, wenn die Kinder schon zur Schule gehen. Umgekehrt darf man es keinem Spieler verübeln, wenn er bei Vertragsverhandlungen das Beste für sich herausholt. Für mich war es im vergangenen Sommer auch nicht leicht, New York zu verlassen. Ich habe mich bei den Knicks sehr wohlgefühlt, aber als Free Agent hatte ich von OKC das bessere Angebot. Die Knicks konnten mir wegen des Salary Caps 64 Millionen Dollar für vier Jahre geben. Das ist immer noch gutes Geld. Aber bei OKC bekomme ich das fast in zwei Jahren.
Ihre bisherigen Stationen sind Houston, Denver, Cleveland, Los Angeles, New York, jetzt Oklahoma City. Wo ist es am schönsten?
In Quakenbrück (lacht)! Dort habe ich meine Jugend verbracht. Im Ernst: LA war wettermäßig das Beste. New York war aufregend. In OKC ist nicht so viel los, aber es ist angenehm chillig. Und die Fans sind richtig gut, weil wir das einzige Profiteam in der Stadt sind. Für uns mit unserem kleinen Sohn ist das die perfekte Stadt.
Ihre Tattoos auf dem rechten Arm fallen auf. Was bedeuten sie?
Das große Tattoo zeigt Jesus. Mein Glaube ist sehr wichtig für mich und gibt mir viel Kraft. Gerade, als es nicht gut für mich lief, ich ohne Vertrag dastand und nicht wusste, wie es weitergeht, hat mir das sehr geholfen. In Houston haben sie mir damals gesagt, dass ich kein NBA-Spieler bin. Auch in Denver und bei den Clippers lief es nicht gut. Aber ich habe mich durch die harten Zeiten durchgekämpft. Das hilft mir jetzt. Und auch, als ich ganz oben war und meinen Vertrag bei OKC unterschrieben habe, hat mir der Glaube geholfen, bodenständig zu bleiben.
Darunter sind eine Raubkatze und ein Auge zu sehen …
Die Raubkatze ist ein Löwe. Er steht für meinen Vater, der mit seiner Einstellung immer ein Vorbild für mich war. Schon als ich klein war, hat er mich gecoacht. Und auch jetzt ist er zu mir nach Oklahoma City gezogen und hilft mir bei allem. Ihm habe ich alles zu verdanken. Das Auge darunter ist von meiner Mutter. So passt sie immer auf mich auf.
Sie haben sich zu Beginn des Jahres als Gesellschafter beim BBL-Klub ratiopharm Ulm eingekauft. Wie kam es dazu?
Als ich 18 war, hätte ich mir einen Klub wie Ulm gewünscht. Aber den gab es nicht. Junge deutsche Spieler haben damals bei den BBL-Klubs kaum Einsatzzeiten bekommen. Also bin ich ins Ausland nach Kaunas gegangen. Ich habe Ulm länger beobachtet und hatte immer großen Respekt vor der Arbeit, die dort geleistet wird. Sie haben in den vergangenen Jahren viele Spieler in den NBA-Draft geschickt. Ich möchte dem deutschen Basketball etwas zurückgeben, und Ulm ist der perfekte Verein dafür. Mein Plan ist, im Sommer nach Ulm zu kommen und ein Camp für Nachwuchsspieler zu veranstalten.
Welcher Ulmer Spieler gefällt Ihnen am besten?
Ben Saraf und Noa Essengue gefallen mir sehr gut. Sie werden im Sommer bestimmt von NBA-Klubs gedraftet werden. Auch Nelson Weidemann spielt dieses Jahr richtig gut. Früher habe ich mit ihm zusammen in der Jugend-Nationalmannschaft gespielt. Er hat tolle Fortschritte gemacht. Auch Karim Jallow ist richtig gut.
Gibt es einen Battle mit Dennis Schröder, der Hauptgesellschafter bei den Löwen Braunschweig ist?
Nicht so richtig. Wir haben schon ein paar Mal über unsere Klubs in Deutschland geredet. Wenn möglich, wollen wir mit Ulm Titel gewinnen. Aber wichtiger für mich ist, dass wir Spieler weiterentwickeln und ihnen helfen, den nächsten Schritt zu machen. Allgemein ist die Talentförderung in Deutschland viel besser geworden. Man kann jetzt auch in der BBL zu einem Weltklassespieler heranreifen. Früher war das nicht so. Da musste man froh sein, wenn man mit 22 sein erstes BBL-Spiel macht. Jetzt macht man das mit 17 oder 18.
Viele junge deutsche Talente liebäugeln mit einem Wechsel auf ein US-College, auch weil dort gutes Geld verdient werden kann.
Als Deutscher hat man es schwerer, von dort in die NBA zu kommen. Ich bin mit einigen Jungs aufgewachsen, die das Talent für die NBA hatten, aber dann den Absprung vom College nicht geschafft haben. Der einfachere Weg ist es, bei einem deutschen Verein den nächsten Schritt zu gehen. Kurzfristig verdient man vielleicht auf einem College mehr Geld, aber auf lange Sicht kann man in der NBA noch viel mehr verdienen.
Ihr letztes Länderspiel liegt sieben Jahre zurück. Hatten Sie Kontakt zum neuen Bundestrainer Álex Mumbrú?
Ja, er war vor ein paar Wochen in OKC zu Besuch. Wir hatten ein gutes Gespräch. Ich werde immer offen sein für die Nationalmannschaft. Bei Olympia 2028 in Los Angeles will ich auf jeden Fall spielen. Bei der EM in diesem Jahr und der WM 2027 muss man schauen, wie weit wir in den Play-offs kommen und wie sich mein Körper anfühlt. Ich will nicht lügen: Die NBA steht für mich immer an erster Stelle.
Hätten Sie gern im vergangenen Jahr bei Olympia in Paris gespielt?
Auf jeden Fall. Olympia ist neben dem NBA-Titel ein Kindheitstraum von mir. Leider hat es nicht geklappt.
Ex-Bundestrainer Gordon Herbert nominierte Sie nicht, weil Sie bei seinem Amtsantritt nicht für die kompletten drei Jahre bis Olympia zugesagt haben. Daher waren Sie auch nicht beim sensationellen WM-Titel 2023 dabei. Bedauern Sie das?
Ja. Ich wäre gern Teil von diesem großartigen Erfolg gewesen. Aber ich bin trotzdem glücklich, dass sie den Titel gewonnen haben. Etwas Besseres könnte es für den deutschen Basketball nicht geben. Mein fehlendes Commitment für die komplette Zeit hat eine Rolle gespielt, war aber nicht der einzige Grund dafür, dass ich in den vergangenen Jahren nicht dabei war. Ich war teilweise angeschlagen und konnte gar nicht spielen.
Ist der WM-Titel für Deutschland wiederholbar?
Absolut. Wir haben genug Talent. Franz und Mo Wagner haben einen Schritt nach vorne gemacht, Tristan da Silva spielt dieses Jahr gut. Wir bekommen immer mehr gute Spieler. Es kommt aber darauf an, wie lange Dennis (Schröder) noch spielt.
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