Vorsprung durch Technik?
Seit Jahrzehnten wirbt Audi mit dem ikonischen Spruch für seine Luxusautos. Während die VW-Tochter in der Branche fest etabliert ist, betritt sie in einer anderen Sparte ab 2026 komplettes Neuland: in der Formel 1. Die Ingolstädter übernehmen den Traditions-Rennstall Sauber, gehen erstmals in der Königsklasse des Motorsports mit einem eigenen Team an den Start.
Die Zielsetzung ist klar: Weltmeister werden. Ab 2030 will Audi nicht nur um Siege, sondern vor allem um Titel fahren. Eine der Schlüsselfiguren hinter der Mission ist Mattia Binotto (55). Der Ex-Ferrari-Teamchef ist Geschäftsführer des Projekts. Im Interview mit SPORT BILD spricht er über seine Zukunftspläne, seine Zeit bei der Scuderia und verrät, was sein Rennstall von Michael Schumacher lernen kann.
[–>Sport Bild: Signore Binotto, fahren Sie gerne Auto?
Mattia Binotto (55): Natürlich!
Sie pendeln derzeit zwischen der Fabrik in Hinwil nahe des Zürichsees und dem Motorenwerk in Neuburg an der Donau bei Ingolstadt. Das sind knapp vier Stunden Fahrt.
Ich fliege meistens, weil ich so die Zeit zum Arbeiten nutzen kann. Nehme ich das Auto, würde ich praktisch einen Arbeitstag pro Woche verlieren, weil ich wöchentlich pendle. Das muss und will ich tun. Es ist unerlässlich, wenn man ein Formel-1-Team mit zwei Standorten aufbaut. Aber es ist mir auch ein persönliches Anliegen.
Warum?
Ich finde es wichtig, Präsenz an beiden Standorten zu zeigen. Man kann kein Team führen, wenn man nicht da ist. Man kann die Leute und die Kultur des Landes nicht verstehen, wenn man nicht da ist.
Was macht die Schweizer und die deutsche Kultur aus?
Die Deutschen arbeiten sehr akribisch, und die Schweizer machen für alles einen Plan. Letzteres kannte ich so nicht.
Erklären Sie das bitte.
Ich habe von 1997 bis 2022 bei Ferrari gearbeitet, meine gesamte Formel-1-Karriere dort verbracht. Dort ist alles ein wenig spontaner. Natürlich verfolgen sie auch einen Plan, aber in der Schweiz wird für jede Idee ein detailliertes Konzept ausgetüftelt, an das sich strikt gehalten wird. Das gefällt mir.
Verstehen sich gut: Binotto mit seinem deutschen Fahrer Nico Hülkenberg (r.)
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Wo unterscheidet sich das Audi-Projekt sonst noch von Ferrari?
Eigentlich überall. Klar, beide sind ein Werksteam, aber man kann und sollte die Rennställe nicht miteinander vergleichen. Ferrari ist seit 1950 in der Formel 1, ein gestandenes Top-Team. Wir hingegen stehen ganz am Anfang, müssen den Berg, der vor uns liegt, noch erklimmen. Das heißt, die Fabrik und die Prozesse müssen erst auf das Level eines Top-Teams gebracht werden.
Sie arbeiteten bei Ferrari auch mit Michael Schumacher zusammen.
Michael war außergewöhnlich. Er ist der beste Fahrer, mit dem ich je gearbeitet habe. Ein absoluter Ausnahmepilot, keine Frage – aber am besten war er außerhalb des Autos. Er ist mit seiner Mentalität vorangegangen, war ein echter Leader. Seine Art und Weise, mit dem Team in der Garage zu arbeiten, ambitionierte Ziele zu setzen und niemals aufzugeben, bis er sie erreicht hat, war einzigartig. Das war in seiner DNA. Genau diese Mentalität brauchen wir, um Erfolg zu haben.
Schumacher war bekannt dafür, dass er morgens der Erste in der Garage war und der Letzte, der ging. Wie sieht Ihr Alltag aus?
Ich bin auch recht früh im Büro (lacht). Es gibt an allen Ecken und Enden was zu tun. Und das wird auch immer so bleiben. Die Formel 1 ist ex-trem kompetitiv. Wer sich zurücklehnt, wird abgehängt. Aber ich war noch nie jemand, der die Stunden bis zum Schichtende zählt. Für mich ist das kein Job, es ist Passion.
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Die wurde Ihnen zeitweise genommen. Wie schwer war die Zeit nach dem Ferrari-Aus?
Es waren 18 bedeutungsvolle Monate. Was diese Zeit besonders gemacht hat, war, dass ich mich ohne konkreten Plan zurückgezogen habe. Es wurde eine Phase der Reflexion. Ich habe mir die Freiheit genommen, in Ruhe herauszufinden, was sich wirklich richtig anfühlt – ohne Druck, aber mit dem Bewusstsein, dass sich eine zu lange Übergangsphase eigene Herausforderungen mit sich bringt.
Dann meldete sich Audi.
Ja. Gernot Döllner (Audi-CEO; d. Red.) rief mich an, und innerhalb von drei Tagen war alles unter Dach und Fach. Wir verstehen uns sehr gut. Gernot und ich haben beide einen Ingenieurs-Hintergrund, sind sehr direkte Menschen. Wir sprechen die gleiche Sprache. Das hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Und die Aufgabe war und ist extrem reizvoll. Das Team zu transformieren hat mich am meisten gereizt. Und dann auch noch für eine Marke wie Audi. Die Werte, die sie verkörpern, passen zu mir.
Audi-CEO Gernot Döllner und F1-Projekt-Boss Mattia Binotto (r.) im September 2024 im Fahrerlager von Monza (Italien)
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Wofür steht Audi für Sie?
Für Vision und Vorsprung durch Technik. Das ist nicht nur irgendein Werbespruch, sondern Realität. Audi hat alles im Motorsport gewonnen – weil sie immer einen Schritt voraus waren. In der Rallye mit dem Quattro, in Le Mans mit dem Diesel-Motor und bei der RallyeDakar mit einem innovativen Konzept um einen elektrischem Antrieb. Sie waren immer gut. Das fasziniert mich.
Lediglich die Formel 1 fehlt. Die Zielsetzung ist, dass man bis 2030 um die WM mitfährt. Ist das realistisch?
Es ist ambitioniert, aber wir glauben daran, dass wir das schaffen können.
Was stimmt Sie so zuversichtlich?
Weil uns nichts von unserem Weg abbringen wird. Wir haben den vollen Support von Audi und Volkswagen, gleichzeitig stehen wir als Projekt finanziell auf stabilen Beinen. Natürlich wissen wir um die starke Konkurrenz, aber wir sind nicht in der Formel 1, um mitzufahren. Wir wollen das Establishment aufmischen.
Wie wichtig ist Nico Hülkenberg auf diesem Weg?
Nico spielt eine zentrale Rolle. Mit seiner Erfahrung aus 240 Formel-1-Starts und diversen Rennställen kann er uns auf allen Ebenen helfen – bei der Entwicklung des Autos und des Teams. Denn Nico ist nicht nur ein sehr guter Fahrer, der sehr konstant liefert, sondern vor allem ein toller Mensch. Ich bin sehr froh, dass er Teil unseres Teams ist.
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